Wenn die Uhr zwölf schlägt, dann geschehen in der Lüneburger Heide unheimliche Dinge – jedenfalls, wenn man den alten Überlieferungen Glauben schenkt: Da tauchen Riesen auf, Poltergeister oder der Teufel leibhaftig. Es müssen gar gruselige Nächte gewesen sein, vor Jahrhunderten, in der Heide. Als elektrisches Licht nicht existierte und viele Phänomene nicht erklärbar waren, spielten gefährliche Riesen, unergründliche Moore, Frauen, denen Hexenwerk angedichtet wurde, und strenge Moralvorstellungen eine wichtige Rolle. Günter Petschel hat in ➔ Sagen und Märchen aus der Lüneburger Heide* eine Vielzahl alter Überlieferungen zusammengetragen.
Das Buch enthält Lesegeschichten genauso wie kurze Anekdoten. Auch plattdeutsche Episoden sind dabei, und oft genug hilft es auch in den hochdeutschen Geschichten, sich mit regionaltypischen Begriffen auszukennen. Gottlob gibt es ein Verzeichnis mit den wichtigsten Vokabeln: Platt – Hochdeutsch. „In der weiten Heide aber geht so manches nicht mit rechten Dingen zu“, lautet ein Satz aus der ebenfalls abgedruckten Hermann-Löns-Erzählung „Die Heidbrennerin“ – und der Rest des Buches dient als Beweis dafür.
Die Stärke der Sammlung: Längere Geschichten und Märchen
Ihre Stärke entfaltet die Sammlung in den längeren Geschichten und Märchen. Wunderbar das Märchen vom Zaunkönig, das „erklärt“, warum die Eulen nachts wach sind und der Zaunkönig sich versteckt in den Hecken herumdrückt. Es ist die Geschichte, die mein Vater mir als Kind immer und immer wieder erzählen musste – ich wurde nicht müde, sie zu hören. Auch die Sage des Ritters Zahrenhausen, der in der Raubkammer sein Unwesen trieb, ist ausführlich geschildert, sodass sich im Kopf des Lesers ein Bild entfalten kann, wie es zugegangen sein kann vor vielen, vielen Jahrhunderten in den dichten Wäldern der Heide.
Die kurzen Stücke schaffen das weniger – hier kann der Leser das Buch eher als Nachschlagewerk nutzen. Wer es zur Hand nimmt, erfährt vielleicht, wie sein Dorf zu seinem Namen kam oder warum das Moor in der Nähe so heißt, wie es heißt. Zu vielen Namen gibt es eine Geschichte! Dank eines Glossars lässt sich schnell nachschlagen, welche Geschichte zu welchem Ort gehört. Denn ansonsten ist die Sammlung aus Sagen und Märchen thematisch gegliedert: erst die Stücke über Riesen, dann die über Zwerge, anschließend wilde Jäger – und im vierten Kapitel der Spuk. 19 Kapitel sind es insgesamt.
Offen bleibt oft, aus welcher Epoche die Geschichten stammen und wie ihre Wahrscheinlichkeit zu bewerten ist. Wer hat sie erzählt? Wann und von wem wurden sie erstmals aufgeschrieben? Heißt der Ort, um den es geht, heute immer noch so? Diese Fragen bleiben unbeantwortet, und manchmal hängt der Leser darum ein wenig in der Luft. Das dürfte der Grund sein, warum die längeren Geschichten mit einem Spannungsbogen, Anfang und Ende, besser funktionieren. Gleichwohl: Wer das Buch so sieht – als Lesebuch einerseits, als Nachschlagewerk zum kurz Reinschmökern andererseits – der wird seine Freude daran haben.
Über die Autorin Petra Reinken
Petra Reinken ist Journalistin, Autorin und Nachhaltigkeitsberaterin. Sie ist in der Lüneburger Heide aufgewachsen und lebt seit 2008 wieder in ihrer Geburtsstadt Soltau. Als Autorin hat sie die Reiseführer „99 Lieblingsorte in der Lüneburger Heide“ und „99 Lieblingsorte im Landkreis Rotenburg (Wümme)“ sowie das Lüneburger-Heide-Quiz geschrieben. Seit 2015 bietet sie Natur- und Landschaftsführungen an. Weitere Infos: ➔ www.wortwolf.de
| Taschenbuch | |
| Titel | Sagen und Märchen aus der Lüneburger Heide |
| Seiten | 182 |
| Autor | Günter Petschel |
| Verlag | Husum Druck- und Verlagsgesellschaft |
| ISBN | 978-3880428935 |
| Preis in EUR | 9,95 |
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